Freitag, 30.07.2010
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CD der Woche: "Handmade"
Pechschwarze Haare, pampiger Blick, am Handgelenk mindestens zehn bis fünfzehn Armreifen und umgeben von Regalbrettern auf denen große Gewürzgläser in allen Farben stehen: Hindi Zahra ist eine Kreuzung aus Fee und Furie auf dem Cover ihrer Debüt-CD.
Die Dreißigjährige ist Berberin und zwischen Nomadenleben und marokkanischer Großfamilie aufgewachsen. Jede Art von Musik wuselte durchs Haus: Ägyptische, indische, angloamerikanische, jamaikanische, spanische, afrikanische, der eine Onkel spielte Bob Marley-Songs auf der Gitarre, die Mutter hörte Oum Khaltsoum und sang auf Hochzeiten, im Radio liefen Chaabi und Rai, Ali Farka Touré und Cheika Rimitti. Hindi Zahra hieß damals noch Zahra Hindi und tanzte auf dem Tisch zu diesem Sound-Couscous.
Inzwischen hat die Singer/Songwriterin mit der lasziven Stimme und der melancholischen Seele ihren Namen umgedreht und das kunterbunte Klangdurcheinander ihrer Kindheit zu einem ganz eigenen Stil verdichtet. Der ist ebenso nichtsesshaft wie die ganze Familie und fühlt sich weder in der Schublade "Oriental-Folk" wohl noch da, wo alle anderen Singer/Songwriterinnen liegen.
Dass das legendäre Jazz-Label Blue Note ihr Album veröffentlicht hat, hilft auch nur insofern weiter, als Jazz mehr Freiheiten bietet, als viele andere Stile, Freiheiten, die sich Zahra in jedem Song genommen hat. "Ach, die Jungs von Blue Note waren schon ein paar Jahre hinter mir her!", so gelassen kommentiert die zwischen Paris, London und Marokko lebende Künstlerin den Vertrag. Zeit hat sie sich nämlich auch genommen, viel Zeit, genau gerechnet sechzehn Jahre.
"Imik Si Mik", das ist Tamazight, Zahras Muttersprache und bedeutet ganz allmählich. Es könnte ihr Lebensmotto sein, denn sie kam mit 13 Jahren nach Paris und stand schon ein Jahr später das erste Mail singend auf einer Bühne bei der Fete de la Musique.
Alles ist anders an dieser Frau. Wir müssen uns aufs Reisen vorbereiten, sie musste sich im Exil in Frankreich daran gewöhnen nicht unterwegs zu sein und sesshaft zu werden. Das Improvisieren hat sie als Nomadin mit der Muttermilch aufgesogen und Gesang ist bei den Kabylen ohnehin Frauensache.
Auf "Handmade" hat Zahra alles selbst gemacht: Gesungen, Gitarre, Perkussion und Klavier gespielt, komponiert, arrangiert, produziert, das Cover bemalt. Auch das ist eine Hommage an ihre Heimat: "In Marokko hält das Handwerk das Land in Gang. Man sieht überall Menschen mit ihren Händen arbeiten. Das hat mich geprägt." So wie die Frauen im Haus: "Wir waren echt viele mit all den Tanten und Cousinen und alle haben gestickt, gekocht, gebastelt, getöpfert. Das war für mich super!"
Zahra ist die neue Madame Melancholie, inspiriert von all den großen Heldinnen der Tristesse: Amalia Rodriguez, Yma Sumac, Nina Simone, Omou Sangaré, Ella Fitzgerald, Oum Khaltsoum, aber auch von Fado, Trance, Blues, Soul, Jazz, Django Reinhardt, James Brown und A Tribe called Quest. Arabisch, andalusisch, europäisch auch die Instrumente (Cello, Bendir, Mandola, Tres, Gitarre, Kontrabass, Piano, Perkussion), die die meist englischen, leider nur selten zweisprachigen Gesänge begleiten. "Ich träume meine Arrangements" sagt Hindi Zahra im Brustton der Überzeugung und man glaubt ihr auch da, wo man sonst Hirngespinste vermutet.
Bis zu 50 Songs jährlich schreibt sie, elf Perlen des Maxi-Outputs sind auf "Handmade" gelandet. In Frankreich waren nach nur 4 Wochen 20 000 Exemplare verkauft und die Geldtransferfirma Western Union kaufte den Song "Stand up" für einen Werbespot, der sich an all die afrikanischen Arbeitsmigranten richtet.
"Beautiful Tango", eine nostalgische Hommage an die Liebe mit Textzeilen, die schwach machen: "Come to the Place where the Skin speaks secret Words in Spanish". "Oursoul", einer der beiden Songs auf Tamazight, eine außerirdische Ballade gegen die Zwangsheirat. "Kiss and Thrills" und "Set me Free", Wahnsinns-Kreuzungen aus Delta-Blues, Desert-Blues und Gnawa, der Rhythmus pures Händeklatschen.
Warum die Songs so magisch anziehen, das liegt am rohen Charme und der Intimität die die Aufnahmen ausstrahlen. Kaum nähert sich Zahras Mund dem Mikrofon ist es, als würden Frühlingsblumen im Zimmer wachsen und die Distanz zwischen Sängerin und Hörer schmilzt dahin.
Autor: Anna-Bianca Krause
| Titel | "Handmade" |
|---|---|
| Vertrieb | Blue Note/EMI |
| Bestellnummer | 5099945725005 |
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