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Buchtipp: Bestsellercheck März 2010
Sendung vom 10. März 2010
Bestsellercheck
Neue Bestseller aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland: Anna Gavalda mit "Ein geschenkter Tag". Martin Suter mit "Der Koch". Und Tommy Jaud mit "Hummeldumm", der in dieser Woche aus dem Stand auf Rang 1 der Spiegel-Bestsellerliste gesprungen ist.
Tommy Jaud: Hummeldumm
Aus dem Nichts an die Spitze der Bestsellerliste - das muss
Tommy Jaud erst einmal jemand nachmachen. "Hummeldumm", so heißt
der neue "Commedyroman" des Autors von "Vollidiot", "Millionär" und
"Resturlaub"; allesamt Erfolgstitel nach dem Muster trotteliger
Tollpatsch unter trotteligeren Dumpfbacken sucht sein Glück; ein
verlässliches Erfolgsrezept, so scheints.
Diesmal führt die Story in eine ehemalige Kolonie, nach Namibia, wo
der Ich-Erzähler samt seiner Freundin einen Gruppenurlaub inkl.
Abenteuerrundreise überstehen muss; wobei, klar, weniger Land und
Leute als die bekloppten Mitreisenden eigentliches Thema der
Geschichte sind. Und, natürlich, die Beziehung der beiden
Hauptfiguren, die letztlich für den Spannungsbogen sorgt: Wird sie
denn nun trotz allen Irrsinns halten oder nicht?
Depperte Düsseldorfer, hohle Österreicher, dumpfe Ossis und
krachige Bayern, bei dem Personal um einen kalauernden Kölner herum
kann eigentlich nichts schief gehen; auch wenn man, wie Tommy Jaud,
neben Dutzenden Rohrkrepierern nicht mehr Potential als für zwei,
drei gute Witze hat - auf 303 Seiten. Egal, zur Not wird dann eben
am Schluss, wo es besonders dünn zu werden droht, noch ein Schuss
Tränendrüse dazugepackt, für die Weibchen unter den Lesern, kann ja
nicht schaden.
Dünne Witze, hohle Gags, billige Kalauer - das Prinzip
Samstagabendfernsehcomedy treibt Tommy Jaud ausgerechnet auf dem
Buchmarkt auf die Spitze und verdient sich dabei auch noch, im
wahrsten Sinn des Wortes, dumm und dämlich. Ein "Höhepunkt": Der
Held kackt einer Mitreisenden, die ihn nervt, in den Rucksack. Tja,
was soll man dazu sagen? Vielleicht: Selber Schuld, wer dafür sein
Erspartes opfert.
Tommy Jaud: Hummeldumm
Scherz, 2010; ISBN 978 3 502 110 378; 13,95 Euro
Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag
Anna Gavalda ist eine Autorin, die ihre meist weiblichen Fans bezaubert: Mit Gefühl und Leidenschaft bringt sie vereinsamte Verlassene, verkrachte Verlierer, verlorene Verwirrte und sonstige "Restbestände" der modernen Gesellschaft in ihren Geschichten so zusammen, dass sich neue Freundschaften, neue Familien, neue Gemeinschaften, neue Gruppen, ergeben, in deren Umfeld sich keiner mehr alleine fühlen muss. Patchwork wird bei dieser modernen Märchenerzählerin im positivsten Sinne zu Ende gedacht, sozusagen.
"Ein geschenkter Tag", Anna Gavaldas neuester Erfolgstitel, beschäftigt sich mit Geschwistern: Zwei Schwestern und ein Bruder treffen sich bei der Hochzeit einer Cousine. Spontan beschließen sie während der Messe, das langweilige Fest zu verlassen, um den noch verbleibenden Bruder zu besuchen, der - als Musiker - irgendwo auf dem Land ein verfallenes Schloss hütet. Was folgt, gibt dem Buch den Titel: "Ein geschenkter Tag"; vielleicht der letzte, den die Vier gemeinsam, nur unter sich erleben werden.
Auch diesmal erzählt Anna Gavalda eine in vielfacher Hinsicht wirklich bezaubernde Geschichte. Und weil diese Geschichte - im Gegensatz zu ihren aufgeplusterten Erfolgsromanen - bloß 139 Seiten lang ist, funktioniert sie auch noch sehr gut; die Wendungen und Entwicklungen sind gut getimed, nicht so überstrapaziert wie sonst. Was sich allerdings hier wie dort sehr ähnelt: Es passiert nie einmal etwas Negatives, es gibt keine wirklichen Brüche, es haben sich irgendwie immer alle ziemlich lieb. Höhepunkt: Ein Zigeunerfest, ausgerechnet, auf dem alle glücklich miteinander tanzen. Puh! Das ist so süß, dass einem, trotz aller Bezauberung, am Ende schlecht wird: Bezaubernd, aber Kitsch pur.
Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag
Hanser, 2010; ISBN 978 3 446 234 895; 12,90 Euro
Martin Suter: Der Koch
"Love Food", so heißt ein ganze spezielles Unternehmen, das sich
in Züricher Reichenkreisen einen Namen macht: Für viel Geld wird
liebeshungrigen Essern ein opulentes Mahl mit aphrodisierender
Wirkung bereitet, nach dessen Genuss sie solch ungeheure Lust
(aufeinander) verspüren, dass die anschließende Liebesnacht eine
der besonderen ihres Lebens wird.
Hinter "Love Food" stecken Andrea und Maravan. In einem
Spezialitätenrestaurant hatten die beiden sich kennen gelernt; sie
war Kellnerin, er Küchenhelfer. Maravan ist Anfang 30 und
Asylbewerber, er stammt aus Sri Lanka, ist Tamile. In seiner Heimat
und in Indien, wo er ausgebildet wurde, war Maravan als Koch tätig,
in Zürich mag man ihn bloß als Spüler verwenden.
Andrea entdeckt zufällig sein Talent, entwickelt die Idee zur
Firma. Maravan ist anfangs skeptisch. Für reiche Männer und ihre
Liebhaberinnen zu kochen, widerspricht seinen moralischen
Standards. Aber er muss Geld verdienen, um seine Familie zu
unterstützen, die sich im heimatlichen Bürgerkrieg irgendwie
durchschlägt. Was Andrea und Maravan nicht ahnen können: Der Krieg
in Sri Lanka und die reichen Züricher Unternehmer, das gehört
zusammen und irgendwann wird es für sie nicht mehr nur ums Kochen
gehen.
"Der Koch" ist ein typischer Roman von Martin Suter: Genau recherchiert, süffig geschrieben, insgesamt vielleicht etwas glatt, gespickt mit Gesellschaftskritik. Beeindruckend, wie Suter die Geschichte des tamilischen Asylbewerbers vor dem Hintergrund globaler politischer Entwicklungen mit den Gegebenheiten des (Schweizer) Geschäftemachens zusammenbringt. Zwar wird ihre Auflösung den Ambitionen der Geschichte am Ende nicht ganz gerecht, dafür bleibt die Figur des Kochs im Hirn haften.
Martin Suter: Der Koch
Diogenes, 2010; ISBN 978 3 257 067 392; 21,90 Euro
AutorIn: Ulrich Noller
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